Ein Beitrag der Nürnberger Zeitung

Wenn’s tickt und klickt

Mehr als 50.000 Uhren repariert
Noch heute zehrt Günter Kristfeld von Erfahrungen

 

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Es gibt sie noch, die gute Handwerksarbeit. Die NZ stellt  einer Serie traditionsreiche, ausgefallene oder selten gewordene handwerkliche Berufe vor. Angesichts einer zunehmenden Massenkultur haben es kleine Betriebe oft schwer, überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Dabei ist ihre Form der intensiven Handarbeit eine Kunst, die von Können kommt. In dieser Folge ist ein Uhrmachermeister an der Reihe.

 

Peter Henlein war’s, der den ersten Taschen-Zeitmesser erfand, das Nürnberger Ei. Generationen von Uhrmachern nutzten das Wissen, Zeit messbar zu machen. Mit ihren Zeitmessern leisteten sie auch dem Stress Vorschub, denn alles hängt von der Zeit ab.

 

 

Ein Nachfahre des Peter Henlein, wenn auch kein direkter, ist Günter Kristfeld. Der 61-jährige gelernte Uhrmachermeister leitet seit 1994 das Uhrmacher-Geschäft am Lorenzer Platz in der fünften Generation. Auch die nächsten Generationen sind gesichert: Der 37-jährige Sohn ist ebenfalls Uhrmachermeister und die 33-jährige Tochter Einzelhandelsfrau.

1854 wurde von Johann Kristfeld das Uhrmacher-Geschäft in Nürnberg gegründet. Seinen Ruf eines Uhrmachers begründete Johann Kristfeld mit einem Edel-Regulator, von dem nur sechs Exemplare gebaut wurden. Zwei davon überlebten die Zeitläufe und einer von den beiden aus der Zeit des Urahn wurde zwei Mal von Günter Kristfeld für einen Münchener Arzt gesäubert und überprüft.

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Mit 23 Jahren Meister

Als 23-Jähriger legte Günter Kristfeld seine Meisterprüfung ab. Noch heute zehrt er von den Erfahrungen, die ihm seine gestrengen Chefs vermittelten. „Sie hatten sich mit dem alten Gewerk ausgekannt und wussten auch, wie man die Einzelanfertigungen wieder in Gang brachte“, erinnert sich der 61-jährige Uhrmachermeister, während wir in seine Werkstätte gehen. „Auch vom ersten Lehrling nach dem Zweiten Weltkrieg habe ich vieles gelernt, Feinheiten, die nur durch Erfahrungen gesammelt werden konnten“, erzählt Kristfeld.

In der Werkstatt braucht man als Laie einen Kompass, während der Uhrmachermeister weiß, wo er hinzugreifen hat. Vier zerlegte Uhrwerke, Zahnräder, Federn, Wellen und Schräubchen, häufig nicht größer als Stecknadelköpfe, liegen auf dem Arbeitstisch. An der Wand ticken zahlreiche Großuhren, mit Holzgehäusen oder mit Porzellan-Zifferblatt. „Die hier hat noch Holzzahnräder. Ich habe sie erst jetzt repariert und sie läuft auf Probe. Das Exemplar ist von 1853 und wurde – wie ein Uhrmacherzeichen verrät – 1894 schon einmal durchgesehen. Auf dem Arbeitstisch liegt eine Augenlupe, daneben kleine Schraubenzieher, Feilen und kleine Hämmerchen. Werkzeug, wie es vermutlich auch schon die Uhrmacher-Vorfahren benutzt haben. Viele der Werkzeuge habe ich von ehemaligen Uhrmachern erworben, gesteht Kristfeld. Vieles aber habe ich schon als junger Gesell gekauft und es im Laufe des Lebens mehrfach nachgearbeitet.

Mindestens 50 000 Uhren hat der 61-Jährige in seinem Leben zur Reparatur in Händen gehabt, darunter war auch die wohl wertvollste Großuhr, die seines Vorfahren. „Das ausgefallene daran war, dass sie bereits über Datum, Tag und Monat verfügte. Dazu kamen noch alle möglichen Schlagwerke. Über den Wert einer solchen Uhr kann man nur spekulieren. Mögen es 30 000 Euro sein oder legt ein Sammler für ein solches Kunstwerk gar 50 000 Euro hin.

Mit Tricks und Tipps aus der Lebenserfahrung zerlegt Kristfeld so manche alte Uhr oder die neuen Chronometer mit Elektronik. „Man muss schon ein Tüftler sein und permanent nachdenken, wie so eine Uhr aufgebaut ist“, erläutert Kristfeld, der sich mit einem etwa 20-minütigen Blick ins Uhrengehäuse, die Zahnradanordnung eines Gehwerks einprägt, bevor er den Schraubenzieher ansetzt. Vier bis fünf Stunden – je älter die Uhr, desto länger dauert die Reparaturzeit – sitzt Kristfeld vor einem Uhrwerk, um es zu reinigen, zu zerlegen und möglicherweise Ersatzteile einzupassen.

Ersatzteile, aber woher nehmen? Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Hunderte von Uhrenfirmen und Zulieferern. Heute kann man die Uhrenfirmen an zwei Händen abzählen. Mehr als 5000 Ersatzteile für Armband- und Großuhren hat Kristfeld in Schachteln, Kistchen und anderen Behältnissen gebunkert, wo sie auf eine Verwendung warten. Entsprechendes schon leicht vergilbtes Buchmaterial ab der Jahrhundertwende früherer Uhrenfirmen helfen die entsprechenden Zahnradgrößen, Federn oder Schrauben herauszufinden. Und wenn mal aus einem besonders alten Zahnrad aus dem Trieb (Uhrwerk) ein Zahn ausbricht, so feilt der Uhrmachermeister ein entsprechendes nach oder lässt sich ein entsprechendes Zahnrad neu herstellen.

Noch heute geht Günter Kristfeld in seinem Traumberuf auf, wenngleich immer mehr elektronische Uhren die Handgelenke und Wände zieren. Auch hier hat sich der Uhrmachermeister in Kursen kundig gemacht. „Bei manchen Uhren der Nobelmarken erhalten wir von den Herstellern keine Ersatzteile und werden ausgegrenzt“, klagt der 61-Jährige. „In diesem Fall zwingen uns die Firmen, die Uhren als Wertsendungen einzuschicken; Hin- und Rückweg für 40 Euro, die ich meinen Kunden schon sparen kann“, rechnet er vor.

Zwei Uhren ticken am Handgelenk des Uhrmachers? „Die eine ist meine eigene und die andere gehört einem Kunden, die ich im täglichen Gebrauch teste. Viele meiner Kunden legen darauf Wert“, erläutert Kristfeld.

Karl A. Nikol
Nürnberger Zeitung

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Tickende Geldanlage

Wie reich Sie jetzt wären, hätten Sie vor fünf Jahren Uhren gekauft statt Aktien  

Wer ordentlich protzen will, kann sich beispielsweise diese Platinuhr kaufen, die etwa 73.000 Euro kostet, und sie am Handgelenk tragen. Wem das Protzen nicht ganz so wichtig ist, der nimmt sie wieder ab und spekuliert mit ihr - es lohnt sich. Legt man sein Geld aufs Sparbuch der Sparkasse, häuft sich nicht gerade viel an. Und wer traut sich schon noch Aktien großer Banken zu kaufen? Eine Uhr hingegen kann später das Doppelte ihres Kaufpreises abwerfen, oder sogar das Vierfache. Eine Tourbillon "Pour le Mérite" wie sie hier auf dem Bild gezeigt wird, ging bei einer Versteigerung für 250.000 Euro weg.


Eine "Chronoswiss Regulateur" von 1988 mit Handaufzug in Gold kostete damals 6800 DM. Heute muss man bei Auktionen mindestens den siebenfachen Preis für diese Uhr bieten

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